Rachel Joyce „Sommerhaus“

Vollkommen unbeschwerte Sommerlektüre verspricht dieser Roman trotz des Titels nicht, wohl aber viel italienisches Flair und durchaus auch heitere Sommerstunden. Es geht um vier Geschwister, die früh ihre Mutter verloren haben und im Schatten ihres Vaters, eines berühmten Künstlers aufwachsen. Dieser Schatten verschwindet nicht, als die Vier erwachsen werden. Im Gegenteil, eine Art Abhängigkeit verfestigt sich,  bei Goose, eigentlich Gustav, schon äußerlich sichtbar, denn er verbringt sein Leben damit, das Atelier seines Vaters zu organisieren. Selbst zu malen hat er sich abgewöhnt, als er die eigenen Bilder Minuten vor der Vernissage in der Galerie von der Wand genommen und verbrannt hat. Seither verbietet er sich das Malen selbst, aber auch sein Vater achtet darauf, dass Goose nicht „rückfällig“ wird.
Sein Vater wird als brachialer Koloss von einem Mann geschildert, der sehr viel trinkt und offenbar recht sexistische Bilder schafft, für die er junge Modells beschäftigt. Unsympathisch wirkt er, auch in seiner Ignoranz gegenüber den Kindern.
Die Älteste der vier, Netta, ist erfolgreiche Staranwältin, die ebenfalls sehr viel trinkt, während Iris, die Jüngste, sich immer schuldig fühlt, denn die Mutter ist kurz nach ihrer Geburt verstorben. Susan, die kurz nach Netta geborene zweite Tochter, hängt an Netta und lebt ein beschauliches, langweiliges Leben mit einem wesentlich älteren Mann. Alle Vier sind, weit von ihren persönlichen Möglichkeiten entfernt, in einem Leben gefangen, das ihnen nicht entspricht.

Sie treffen sich in Italien im Familienhaus, nachdem sie die Nachricht erhalten haben, dass der Vater beim Schwimmen ertrunken ist.
Da er kurz zuvor eine neue, sehr junge, Flamme, Bella-Mae, mit nach Italien genommen und dort geheiratet hat, glauben die vier Geschwister, diese habe etwas mit dem unverhofften Tod des Vaters zu tun.
Die Dynamik zwischen den Geschwistern, die je eigenen Schuldkomplexe und Verstrickungen werden anhand der äußeren Ereignisse, die Bella-Mae vorantreibt, sehr fein dargelegt. Bella-Mae ist der personale Schlüssel, um all den psychischen „Macken“ auf den Grund zu kommen, denen die Geschwister immer geschickt ausgewichen sind. Das ist teilweise richtig witzig, wie sich das Aufbrechen fester Strukturen zeigt und Eigenschaften ausgelebt werden, die niemand in der Person vermutet hat.

Das Buch ist nicht frei von Klischees und kleineren vielleicht auch unnötigen Ausschweifungen, ist aber insgesamt ein enormes Lesevergnügen mit einer Entwicklung, die überrascht und einem sprachlichen Ton, der beeindruckt.

Rachel Joyce, „Sommerhaus“, Übersetzung Karl-Heinz Ebnet, Thiele Verlag, 26 Euro