Mareike Fallwickl, Das Licht ist hier viel heller

Bekannt wurde Mareike Fallwickl im vergangenen Jahr mit dem Roman „Dunkelgrün fast schwarz“, der auch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Prosas weihnachtliche Literaturberaterin Sophie Weigand hat den Roman auf ihrem Blog Literaturen https://literatourismus.net/2018/03/mareike-fallwickl-dunkelgruen-fast-schwarz/ ausführlich besprochen und gefeiert.

Der neue Roman „Das Licht ist hier viel heller“ kam zu mir als Leseexemplar von der Frankfurter Verlagsanstalt (vielen Dank!), schon vor einigen Wochen. Ich habe es fast in einem Rutsch gelesen und musste dann leider lange warten, bis das Buch nun endlich offiziell erschienen ist, um es zu empfehlen. So gerne hätte ich sofort und gleich auf dieses spannende Buch hingewiesen.

Aber jetzt:

Wenger, ein mittlerweile ausgebrannter und von einer Schreibhemmung geplagter, ehemals erfolgreicher Autor in den Mittfünfzigern ist der eine Protagonist, seine achtzehnjährige Tochter Zoey die andere Hauptfigur in diesem komplexen und viele heutige Themen aufgreifenden Roman. Beide befinden sich sozusagen an einer Schwelle, die sie nehmen müssen. Wenger ist das klassische „Arschloch“, tut mir leid, aber nur dieser Begriff bringt diesen Charakter auf den Punkt. Machtbewusst, intrigant und wehleidig ist er noch dazu, er hat durchaus richtige Erkenntnisse über sich und die Welt, aus diesen folgen aber nicht die richtigen oder gleich keine Konsequenzen. Zoey, am Ende der Pubertät, ist eine introvertierte sympathische Person, deren Hauptbezugsmensch ihr Bruder Spin ist. Beide nennen sich nur noch mit ihren Spitznamen, wie um zu betonen, dass sie mit diesen! Eltern nun wirklich nichts mehr zu tun haben wollen. Patrizia, die Mutter, lebt als Influenzerin im totalen Körperoptimierungswahn mit ihrem neuen Partner Rezo (dem Schweizerarsch, wie Wenger ihn nennt) im ehemals gemeinsamen Familienhaus. Allein an diesem Personal ist zu erkennen, dass Fallwickl das Heute in den Mittelpunkt rückt, das Heute mit den Konsequenzen, die es auf das Individuum haben kann. Selbstoptimierungs- und Darstellungswahn, vollkommene Fixierung auf Äußerlichkeiten vermischt mit der Schnelllebigkeit der digitalen Welt. Fallwickl erfasst einen Teil der heutigen Gesellschaft und gibt es ihren Protagonisten als Grundlage für deren Leben.

Zusammengehalten werden die jeweiligen Erlebniswelten Wengers und Zoeys durch Briefe, die Wenger in seine neue Wohnung bekommt, die aber eigentlich an den Vormieter gerichtet sind. Wenger liest diese Briefe – und Zoey weiß auch etwas darüber. Nur voneinander wissen die beiden nichts, so dass ihr jeweiliges Leben zunächst in parallel verlaufenden Geraden verläuft.

Der Roman wechselt je nach im Vordergrund stehender Person den Erzählton, so dass für die Lesenden die Figuren aus der Sprache heraus lebendig und wahrhaftig werden. Sie entwickeln sich und das ist nachvollziehbar geschildert. Teilweise nimmt das Geschehen tragische Züge an, vor allem bei den Ereignissen, mit denen Zoey konfrontiert wird. Durch die wechselnden Perpektiven entsteht ein regelrechter Sog, wirklich beeindruckend.

Großes Leseerlebnis – sehr zu empfehlen!

Frankfurter Verlagsanstalt, 24 Euro