Dörte Hansen „Broder“

Von vielen heiß ersehnt, ist er nun endlich da: der neue Roman von Dörte Hansen „Broder“.

Wieder sind wir auf dem Land, in Nordfriesland, wieder geht es um die Rituale und Gewohnheiten, die auf dem Dorf gelten. Als Dorfbewohnerin bist du erfolgreich, wenn du eine Art von Dorf-„Intelligenz“ hast. Dann nämlich bist du in der Lage, die notwendigen Rituale und Gewohnheiten rechtzeitig zu erkennen und einzuhalten, sie quasi zu verinnerlichen und danach zu leben. Diese Menschen, die das können, die stehen im Ansehen an der Spitze des Dorfes. So wie die Familie Bahnsen, die sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich alles richtig gemacht hat.  Mutter Bahnsen hat die Dorf-Intelligenz, Vater Bahnsen „kann Kuh“ – täglich geht Paul zu seinen Tieren und fühlt sie einmal alle durch. So erkennt er frühzeitig, wo´s hapert, wo gehandelt werden muss. Dörte Hansen versteht es, ein starkes Gefühl für diese Zusammenhänge zu erzeugen, wirklich beeindruckend

Ganz anders als sein Vater handelt Henning, der als Erstgeborener der Zwillinge (!) den Hof geerbt hat. Henning, eigentlich Technik-Freak, modernisiert den Hof, hält Hochleistungskühe, die er komplett digitalisiert überwacht und gilt damit wieder als Erster im Dorfgefüge.
Sein „jüngerer“ Bruder, Broder, ist der Tierversteher, erbt den Hof aber nicht und wird stattdessen Tierarzt für Großtiere. Diese tiefe Kränkung sitzt in ihm, bei allem Verständnis für die Gepflogenheiten im Dorf. Nach vielen Jahren in Frankreich kehrt er mit seiner französischen Frau, einer Malerin, zurück und wird auch der Tierarzt für Hennings Kühe. Als erster spürt er die Veränderung bei Henning und die heraufziehende Not. An dieser haben auch alte Erschütterungen und Schicksalsschläge, über die nie richtig gesprochen wird, einen Anteil, die Dörte Hansen knapp und packend in Sätze fasst.
Der Roman erzählt von den Fahrten Broders übers Land, den Besuchen in den Ställen und auf den Höfen, er gibt Henning Raum und auch den alten Bahnsens. Die Kontakte zu den Bauern, das Praktikum von Broders Tochter bei ihm, die Arbeit von Hennings Tochter auf dem Bahnsen-Hof, all dieses erschafft ein Gesamtbild, wie das so geht auf dem Dorf und in Bauersfamilien, großartig erzählt.
Es gibt sehr anrührende Stellen, an denen Hansen die Leserinnen und Leser so richtig zu erreichen vermag. Es gibt auch Strecken, in denen es um den Wandel der Landwirtschaft und der Dorfgemeinschaften geht, das ist interessant- manchmal ist auf diesen Seiten ein bisschen zu stark zu spüren, dass die Autorin viel recherchiert hat.

Insgesamt ein Roman für Land-liebende, Menschen, die ein Verhältnis zum „Dorf“ haben und sich insbesondere für den Wandel der ländlichen Gebiete und der Auswirkung auf die Menschen interessieren.

Dörte Hansen, „Broder“, Penguin Verlag, 26 Euro