Ein überraschendes Leseerlebnis hatte ich mit dem Roman „Statt aus dem Fenster zu schauen“ von Anna-Katharina Scheidemantel.
Vornehmlich geht es um die Probleme der Mittzwanziger, aufgerieben zwischen Selbst- und Karrierefindung, Sinnsuche und Lebensplanung in einer digitalen Welt.
Sophie steckt genau in dieser Mühle. Als Überfliegerin von ihren Eltern immer schon mit dem Satz „Aus Dir wird was“ angetrieben, hängt sie in einem öden Studien-Praktikum und kauft aus einer Laune heraus bei Kleinanzeigen ein Haus in Brandenburg, für 3000 Euro. Am nächsten Tag packt sie ihre Siebensachen und eilt per Zug aus München heraus in den winzigen Ort Günderode, irgendwo im Nirgendwo.
Das Haus stellt sich als Teilruine heraus, steht seit Jahren leer, bietet aber die Möglichkeit, darin zu nächtigen. Der Verkäufer Heinz gibt sich mit einer Anzahlung von 1000 Euro zufrieden und nein, einen Grundbucheintrag über einen Notar brauche man ja eigentlich nicht, aber er kenne da jemanden und werde sich kümmern.
Und so geht das Leben Sophies in „ihrem“ Haus los. Erzählt wird ihr Versuch, durch kleine Renovierungen Wohnlichkeit zu erzeugen, im Garten Kartoffeln anzupflanzen und Hühner zu halten.
Soweit die Äußerlichkeiten. Spannend ist das Buch durch die Gedanken, die Sophie sich macht über das Warum und Weshalb ihrer Entscheidung. Freundinnen und Freunde melden sich und löchern sie und vertreten vordergründig das, was Sophie erstmal hinter sich gelassen hat.
Der Sommer ist die Zeit der Reflektion, der Beantwortung vieler wichtiger Fragen und ein bisschen auch des Erwachsenwerdens.
Ein ganz toller Roman, der mich bis zur letzten Seite gefesselt hat, vor allem auch, weil er sprachlich viele Varianten hat und nicht die übliche von „Gag zu Witz- Struktur“ bedient, obwohl durchaus viele Situationen aus sich heraus humorvoll sind.
Anna-Maria Scheidemantel „Statt aus dem Fenster zu schauen“, Pola Verlag, 22 Euro