Ein zu Herzen gehendes Buch ist „So voller Leben“ von Pascale Hugues.
Sie schreibt darin über ihre Mutter Yvette, 1929 im Jahr der gro0en Depression geboren. Yvette wächst im Elsass auf, das mal zu Frankreich gehört, mal wieder zu Deutschland – mal muss französisch gesprochen werden, dann wieder nur deutsch. MIt 56 Jahren stirbt die Mutter bei einem Fenstersturz, vermutlich ein Selbstmord ohen Abschied.
Zwischen den, auch lebensartlichen, Gegensätzen wächst Yvette heran und schwankt auch später in ihrem Leben zwischen Bourgoisie und Aufruhr, zwischen Patriarchat und Feminismus. Diese Pole bestimmen letztlich auch ihre Krankheit, heute würde man sie eine bipolare Störung nennen. Unter dem Diktat der Krankheit der Mutter wächst Pascale heran, für sie ist ihre Mutter so, wie sie eben ist und das Leben mit ihr ein Normalzustand. Schlimm sind die Aufenthalte der Mutter in Psychiatrien, den Kindern wird verschwiegen, worum es wirklich geht und die langen Abwesenheiten gehen nicht spurlos an den Kindern vorbei. Man sprach damals nicht über seelische Erkrankungen und diese Verschwiegenheit ist es, die letztlich schadet, wie Pascale Hugues verdeutlicht. Das Buch ist der Versuch, sich diesem Geschehen anzunähern, ohne die Mutter bloßzustellen, was sie auch an keiner Stelle tut.
Diese Mutter sprüht vor Leben und Interesse, als Lesende wird man gefangen genommen von der französischen Leichtigkeit und Neugierde, mit der Yvette ihr Leben lebt. Pascale kommt dem auf die Spur und findet Lieder, die lauthals gesungen wurden. Texte, die das Leben begleiteten und Menschen aus ihrer Familie, die für die Mutter besondere Stellenwerte hatten.
Eine gelungene und ergreifende Annäherung an eine Mutter und an eine Zeit.
Pascale Hugues, „So voller Leben“, Rowohlt Verlag, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, 23 Euro