Juli Zeh „Pony Show“

Mehrere Tage habe ich mit Hochspannung den neuen Roman von Juli Zeh „durchgesuchtet“- ja, so muss ich es sagen, denn der Roman ist wirklich bis zum Ende packend.

Erzählt wird aus der Sicht des kleinen Anwalts Mark, dessen Kanzlei unverhofft eine (zu große) Verteidigungsaufgabe zufällt. Betheny Hell,  einflussreiche und mondän erscheinende Leiterin des großen Verlages Lysander wird des Mordes an einem 25 Jahre jüngeren Mitarbeiter des Verlages angeklagt. Fero Lebed ist zu diesem Zeitpunkt spurlos verschwunden, es gibt also keine Leiche.

Nun ist es aber nicht so, dass Betty, wie sie genannt wird, ihrem Anwalt Mark sagt, was passiert ist, nein, Betty schweigt und Mark muss all sein Können aufbringen, um sie zum Reden zu bringen, um als Anwalt überhaupt agieren zu können. Sein Gegenspieler ist ein medienaffiner Staatsanwalt, der vor dem Schwurgericht sprachlich alle Register zieht, um „den Fall“ zu gewinnen.

Wir erfahren durch die Schilderung der Verhandlungstage eine Menge über die Abläufe vor einem Gericht, die Shows, die abgezogen werden, die Nutzung der Medien, um die Schöffen emotional einzustimmen. Auch die sog. sozialen Medien spielen im Verlauf eine immer wichtigere Rolle. Insbesondere eine Autorin, die Betty erst zu der kleinen Anwaltskanzlei von Mark gebracht hat, da sie selbst sich von dieser vertreten lässt – erst June May entfacht das Feuer auf Instagram mit aller Macht. Das Agieren des Staatsanwalts wird von feministischen Aktivistinnen als typisch misogyne Handlung dargestellt, „Free Betty“- Schilder werden positioniert, das Landgericht platzt vor Medienmenschen, Aktivistinnen und Protestierenden, die den Fall für ihre Reichweiten- Zwecke nutzen. Sehr bildhaft geschildert ist das alles, die Verfilmung des Buches läuft in diesen Momenten vor dem  inneren Auge.

Mark bringt Betty zum Reden und so erfahren wir die wahre Geschichte zwischen Betty und Fero, ihre leuchtenden Tage der Lektoratszusammenarbeit, die geistigen Höhenflüge, die sie gemeinsam erleben, das Gefühl, die andere Hälfte des eigenen Ichs gefunden zu haben. Das ist ergreifend, vor allem deswegen, weil es nicht um die sexuelle Erfüllung einer alternden Frau durch einen jungen Mann geht. Aber kann Mark Betty glauben, oder handelt es sich in Wahrheit doch um einen klassischen Fall von Machtmissbrauch, nur dass es sich hier um eine Frau handelt, die sich dieses Vergehens schuldig gemacht hat? Können Frauen genauso toxisch sein wie Männer in Machtpositionen? Mark verstrickt sich immer mehr in das Verhältnis zu seiner Mandantin und entfremdet sich so seiner eigenen Familie. Welche Macht hat Betty?

Juli Zeh verknüpft geschickt den Fall mit dem Gefühlsleben der Hauptfiguren, politischen Andeutungen und Gesellschaftskritik  und erreicht so, dass die Lesende das Buch bis zum Ende liest, was auch nötig ist, um die Aufklärung zu erfahren. Dabei bleiben Klischees und allzu offensichtliche Cliffhanger nicht aus, auch die gesellschaftskritische Botschaft, die zweifelsohne da ist, wird durch die sprachliche Umsetzung ein wenig in den Hintergrund gerückt. Literarisch ein mittelmäßiges Buch, das dennoch einen Riesenerfolg haben wird, weil es bezüglich der Medien so „heutig“ ist und so enorm spannend das  Thema „unausweichliche Liebe“ in einen Fall von „Mord ohne Leiche“ einbindet. Das Buch spricht die emotionale Seite im Menschen an, sowohl die der Romanfiguren als auch die der Lesenden. Das ist sehr gelungen.

„Leere Herzen“ war das Buch von Juli Zeh, in dem ihr dies schon einmal gelungen ist, nur dass in diesem Buch (eine faschistische Partei kommt an die Regierung) die gesellschaftliche Analyse den wesentlichen Schwerpunkt bildete.

Juli Zeh „Pony Show“, Luchterhand Verlag, 26 Euro