Ein neuer Roman von Mareike Fallwickl, „Haltet Euch fest“

Mit Spannung habe ich den neuen Roman von Mareike Fallwickl erwartet.
In „Haltet Euch fest“ erzählt die Autorin von einer Familiensituation, die ganz anders konstituiert ist als das gewöhnliche Vater-Mutter-Kind-Modell. Sigrid und Frieda sind die beiden Frauen, die ein Haus bauen, in dem es möglich ist, mit vielen Menschen als freiwillige Familie zusammen zu leben. Sigrids Tochter Charlotte ist später Mama Charlotte, dazu gesellt sich Mama Lena, beide erziehen ihre Kinder zusammen und sind dennoch kein Paar. Papa Paul und Papa Jerome sind die männlichen Parts und aber ein Paar. Dazu gesellen sich wechselnde Pflegekinder und andere Menschen, die „im Haus“, so wird der Ort von allen nur genannt, Unterschlupf finden. Da ist beispielsweise Henryka, ein Transvestit mit genügend Geld, um die eigenen Träume zu leben und den Kindern eine herrliche verspielte Form des Lebens zu präsentieren. Oder Blue Boy, ein gestrandeter Jugendlicher, der im Haus zur Ruhe kommen kann.
Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten, übersichtlich in Kapitel unterteilt. Hauptfigur ist Luzia, eine erfolgreiche Theaterregisseurin und Tochter von Mama Charlotte und Mama Lena. Ihre Freundin Marle, aus einem „ordentlichen“ Haushalt stammend und ihre Freundin Somi sind nur zwei Ihrer Begleiterinnen aus einem großen Kreis von Freundinnen. Freundinnenschaft ist es, was diesen Frauen wichtig ist. Körperlichkeit findet kaum statt, die üblichen Kategorisierungen spielen keine Rolle. Der Fokus liegt auf dem Finden von alternativen, menschenfreundlichen Formen eines gleichwertigen Miteinanders.
An vielen Stellen fordert dieses Buch das eigene Denken heraus und regt zur Reflektion der bekannten patriarchalen Lebensformen und Zuschreibungen an. Die Rahmengeschichte von Sigrid und Frieda ist überdies bis zum Schluss spannend, auch der Zeitraum über 50 Jahre hinweg schafft gleichbleibende Lust, das Buch weiter zu lesen.
Einzig die Dialoge zwischen den Freundinnen sind an einigen Stellen überladen von Reflektionen zu Patriarchat und Feminismus, so hölzern reden Menschen nicht. Auch die Platzierung praktisch aller Begrifflichkeiten zu alternativen Lebensformen (male loneliness epidemic, Heteropessimismus, Kitchen Table Polyamory oder boy sober) ist zuweilen etwas anstrengend. Fallwickl hätte ihrem eigenen Plot trauen dürfen, die Botschaft wäre auch ohne diese, ja, aktivistischen Belehrungen angekommen, weil ihre Ideen und das Setting wirklich toll sind.
Dennoch absolut lesenswert.

Mareike Fallwickl, „Haltet Euch fest“, Rowohlt Verlag, 24 Euro