Der erste Roman Rebecca F. Kuangs, der jetzt als Taschenbuch erschienen ist, hat mich im Winterurlaub sehr gefesselt: „Babel“.
Der Roman spielt irgendwann im 19. Jahrhundert und erzählt die kolonial geprägte Geschichte dreier Studierender, von denen einer ein chinesischstämmiger Engländer ist. Er wurde als Kind von einem Sinologen aus der chinesischen Provinz Kanton mit nach England genommen und wählte damals den Namen Robin Swift, weil er als Kind „Gullivers Reisen“ geliebt hat. Robin wird ohne Liebe und unter strengsten Bedingungen erzogen, um dann als Student der Übersetzungswissenschaften in Oxford, im berühmten Übersetzerturm Babel, zu beginnen.
Interessant wird das Buch durch einen magischen Kniff: das gesamte Empire in diesem Buch existiert nur deshalb und ist so erfolgreich, weil es Silberbarren herstellt. Auf diesen sind jeweils zwei Begriffe in englischer und einer anderen Sprache eingraviert, deren Bedeutung nicht 100% ig gleich ist. Die Differenz zwischen den beiden Bedeutungen erzeugt beim Aussprechen durch einen Menschen, der beide Sprachen auf Muttersprachniveau beherrscht, Energie, die enorme Kräfte entfaltet. Züge fahren schneller, Schiffe gelangen zügig in entfernte Gegenden, Abwasserreinigung und Energieversorgung sind gesichert, Statik funktioniert und vieles mehr. Um diese Silberbarren herzustellen, benötigt das Empire die Übersetzer, es müssen Muttersprachler sein, die in ihrem Studium insbesondere Etymologie studieren. Nicht alle von Ihnen werden Silberwerker, denn dafür braucht es ganz besondere Fertigkeiten.
Der Roman ist auf der einen Seite extrem spannend, auf der anderen Seite wirft er anhand seiner Protagonisten viele Fragen auf: Robin trifft auf drei andere Studierende, mit denen er sich anfreundet und er trifft auf seinen Halbbuder, von dem er bislang nichts wusste. Auch dieser ist von seinem „Vater“ aus China nach England gebracht worden, hat sich jedoch im Laufe seines Studiums einer Vereinigung angeschlossen, die sich gegen die Ausbeutung der Silbervorkommen in den Kolonien wendet. Robin beginnt Fragen zu stellen, wird vor Entscheidungen gestellt und weiß oft nicht, welcher Weg der richtige ist.
Genau vor diesem Dilemma stellt Kuang auch die Lesenden: Wer auf Lösungen für die angesprochenen Probleme und ein schönes Ende spekuliert, wird enttäuscht. Die Meisterschaft der Autorin zeigt sich neben der sehr durchdachten Struktur des Romans auch darin, dass die Figuren und ihre Handlungen zwar absolut nachvollziehbar sind, wir als Lesende aber diese nicht unbedingt gutheißen oder selbst eine klare Entscheidung für diese oder jene Option treffen könnten.
Ein komplexer Roman zu den Themen Sprachmacht, Rassismus, Kolonialismus und Freundschaft. Großartig.
Rebecca F. Kuang, „Babel“, aus dem Englischen von Heide Franck und Alexandra Jordan, Eichborn TB 18 Euro