Colombe Schneck, „Lügen im Paradies“

Die der Autorin ähnliche Protagonistin verbringt als Kind über Jahre hinweg die Ferien in Obhut einer Schweizer Familie, deren Chalet für viele Kinder wohlhabender Familien zu einem magischen  Ort der Kindheit wird.

Erst 30 Jahre später kommt die Autorin durch eigene Recherchen und Gespräche mit anderen Ferienkindern zu der Erkenntnis, dass es dort alles nicht so friedlich war, wie sie es als Kind erlebt hat. Die eigenen Kinder der Ferieneltern beispielsweise waren dem tyrannischen Wesen des Vaters Karl und der Lieblosigkeit der Mutter ausgesetzt, auch die scheinbar wunderbaren Skiabenteuer mit Karl waren auch geprägt von Kontrollsucht und Härte.
Colombe Schneck ist eine französische Autorin mit jüdischen Wurzeln in Litauen und Transsilvanien.  Diese Information ist wesentlich für das tiefere Verständnis dieses Buches, in dem es vordergründig zunächst um eine Desillusionierung geht. Die Herkunft der Autorin verleiht dem Buch über das autofiktionale Entblättern hinaus dadurch eine weitere Ebene, dass die eigene Familie eine Sprachlosigkeit gegenüber den erlittenen Gräueln der Nazizeit aufrechterhält. Diese zu durchbrechen verläuft parallel mit der Aufdeckung der Begebenheiten im Chalet.

Sprachlich überzeugt das Buch mit dichten Beschreibungen der Ferienzeit, der Freundschaften und Errungenschaften, die neben der Entblätterung der „anderen“ Wahrheiten einen ganz eigenen Reiz entfalten.

Ein interessantes Buch, das meiner Ansicht nach den autofiktionalen Texten Annie Ernauxs in nichts nachsteht, eigentlich sogar reizvoller ist.

Colombe Schneck, „Lügen im Paradies“, übersetzt aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag, 24 Euro