Ein höchst ungewöhnliches Buch ist der Roman „Eden“ der isländischen Autorin Audor Ava Òlafsdóttir. Erzählt wird die Geschichte von Alba, einer Professorin für Linguistik, die zu aussterbenden Sprachen forscht, Romanmanuskripte redigiert und an der Uni lehrt. Eines Tages bekommt sie die Möglichkeit, ein Grundstück weit draußen vor Rejkjavik zu kaufen, das eine berühmte Krimiautorin veräußert. Sie nutzt die Gelegenheit, saniert das kleine Häuschen, legt Beete an, baut eine Steinmauer und nimmt Kontakt zu den örtlichen Anwohnerinnen und Anwohnern auf. Vor allem aber pflanzt sie tausenden von Bäumen, um Ihren eigenen Fußabdruck durch die vielen Flugreisen zu Konferenzen auszugleichen.
Der Gang der Geschichte wird verknüpft mit verschiedenen Begebenheiten ihres Berufslebens. Da ist der junge Lyriker, der einen Gedichtband herausgeben will, der ihr gefährlich werden kann und der überdies jeden dritten Tag den Titel des Bandes verändert, was Ada von der Lektorin stets mitgeteilt wird. Dann ist da Danyel, ein junger Flüchtling, der sich von Alba gesehen fühlt und ihre Nähe sucht. Und da ist natürlich der Inhaber des Rote-Kreuz-Ladens, der Alba zuverlässig auf dem Laufenden hält darüber, was „das Dorf“ alles über sie weiß und sich über sie erzählt.
Der Roman ist zugleich spröde und ein bisschen verschroben und dabei höchst geschickt komponiert, erhalten wir doch immer wieder einen Einblick ins Albas Liebe zu Wörtern und ihre Herkunft. Die Kombination aus Außenkontakten, Worterforschungen und Tätigkeiten auf dem neuen Landsitz ergeben ein Gefühlspanaroma von Albas Welt, über die sie selbst nichts sagt. Darin liegt das Ungewöhnliche dieses Buches: es gibt keine ausschweifenden Selbstreflektionen, keine Gespräche über Gefühlswelten, alles erschließt sich durch die Struktur des Romans und dem, was darin passiert. Nur Danyel benennt seine Gefühle in Bezug auf den Ort, an dem er gelandet ist, seinen Wunsch nach Zugehörigkeit via Sprache und die Sehnsucht nach einem Menschen, der ihn anmeckert, wenn er seine Jacke nicht trägt. Diese sparsamen Gefühlsäußerungen machen sie umso wertvoller und berührender. Alba selbst taucht immer tiefer in die Stille und Schönheit der Natur um ihr Haus herum ein.
„Die Sonne geht nur unter, um sogleich wieder aufzusteigen. Es ist halb drei, die Nacht ist hell, und der Himmel über dem Berg steht in Flammen. Wenn ich nicht schlafen kann, ziehe ich mich an, gehe hinaus und arbeite auf dem Grundstück. (…) Die einzigen Geräusche sind das Rauschen des Flusses und das Zwitschern der Vögel. (…) Keine Sätze, keine Wörter kommen mir in den Sinn. Die Stille hat die Welt übernommen. Es ist die Welt vor der Entstehung der Sprache. “
Nachdem ich mich eingelassen hatte auf diese knappe und spröde Person, entwickelte die Geschichte einen richtigen Sog mit ihrer Beschreibung der Schönheit der Natur und dem gemeinschaftlichen Sein, das wegen der Härte eben dieser Natur unter den Menschen notwendig ist.
Ein interessanter Roman, der die Lektür unbedingt lohnt.
Audur Ava Ólafsdóttir, „Eden“, aus dem Isländischen von Tina Flecken, Insel Verlag, 25 Euro